Hongkong war schon globalisiert bevor das Wort zum globalen Schlagwort wurde. Hier hat das Wort auch keinen schalen Nachgeschmack, es ist viel eher die Essenz dieser Stadt. Dass man hier gediegen franzoesisch essen kann, wird wohl niemand erstaunen, Austern, Schnecken, Soupe a l'ognion inklusive. Als die Schale mit den Austern, Kraben und weiterem Seegetier am Geburtstagsessen meiner Gasteberin aufgetischt wird, ist mein Blick wohl nicht nur erstaunt, sondern auch recht skeptisch. Sie versucht mich auf jeden Fall zu beruhigen: "Keine Angst, die stammen nicht aus dem Honkonger Hafen. Das wird alles frisch eingeflogen."
Zu einer Stadt wie Honkong gehoeren auch die Expats. Eine Einladung am spaeteren Abend beschert mir einen Abstecher in diese Welt der gut verdienenden, einsamen Maenner. Ich muesse unbedingt Wan Chai sehen, die heisse, dunkle Seite von Honkong. Nun gut, heiss ist Honkong im Moment ueberall - dunkel ist Wan Chai mit seinen blinkenden, glitzernden uebergrossen Leuchtreklamen allerdings nicht.
Zu viert ziehen wir von Bar zu Bar. Der Deutsche unter uns muss sich auf jedem Grossbildschirm die Niederlage seiner Nationalmannschaft zum x-ten mal anschauen. Doch eigentlich schaut man hier etwas anderes, denn die einschlaegigen Bars heissen schlicht "Girl Bars". Die Rollen sind klar verteilt: Auf der einen Seite die fast ausschliesslich europaeischen Herren, meist schon etwas angegraut und mit einem mehr oder weniger rundlichen Wohlstandbauch. Auf der anderen Seite ueberaus guttaussehende, viel juengere Frauen mit asiatischen Gesichtszuegen, die hemmungslos flirten.
Die Frauen seien fast alle auf der Suche nach einem reichen Mann zum Heiraten, erklaert mein Begleiter. Wenn nicht so weit kommt, lassen sie sich ueberpreiste Drinks bezahlen und erhalten einen Anteil. Natuerlich, so meint er lakonisch, gaebe es auch Prostituierte. Hongkongerin treffe man hier aber kaum, erzaehlt ermit Kennerblick weiter, die haetten normale Jobs. Vielmehr sind es Chinesinnen vom Festland, Philipininnen, Thais. Und - mein Begleiter zeigt auf eine lange Bank, auf der eine Reihe Frauen sitzt - Kolumbianierinnen. Schon beim Reinkommen waren mir diese Reihe aufgefallen - als Silicon Alley.
Dass wir in dieser doppelboedigen Welt den saudi-arabische Konsul entdecken, passt. Erst vor kurzem habe der Konsul an einem Vortrag das Gesetz verteidigt, dass die Frauen in Saudi-Arabien nicht Autofahren duerfen, sagt mein Begleiter schmunzelnd.
Ich bin froh, dass ich mich schon bald mit der Ausrede aus dem Staub machen kann, dass die letzte Faehre auf meine Insel faehrt.
Donnerstag, 6. Juli 2006
Abonnieren
Kommentare zum Post (Atom)
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen