Wir sind in die Berge im Süden der Provinz Zhejiang gefahren, um noch einige Spuren des traditionellen Lebens zu finden. Daji heisst unser Ziel, von dem wir eigentlich nichts wissen, ausser dass der Mann am Kiosk des Busbahnhofs von Jingning hier ein Sternchen malte, als er uns den fotokopierten Plan der Region verkaufte. „Hier ist es sehr schön“, meinte er knapp.
Wir zwängen uns in den engen Bus, der gut besetzt pünktlich losfährt. Immer wieder halten wir an, laden Fahrgäste und Gepäck ein. Bald trohnt eine grosse Flüssiggasflasche im Mittelgang, während rundherum fröhlich geraucht wird.
Die Fahrt über die gut ausgebaute aber kurvige Strasse bekommt nicht allen gut. Vor allem nicht allen Mägen. Bald wird gechoderet und gekotzt was das Zeugs hält. Mit Glück halten wir uns aus der Flugbahn dieser Auswürfe.
Trotz allem: die Reise lohnt sich. Selbst wenn das Wetter nicht mitspielt und es immer wieder regnet.
Die Landschaft um Daji ist beeindruckend.

Die Schlucht am Dorfende...

... ist touristisch leicht erschlossen – doch wir haben sie für uns.

Rund ums Dorf dominieren Reisfelder...

....das Dorfleben spielt sich auf der Strasse ab.

Die Kinder sind sich Ausländer nicht gewohnt. Neugierig, aber sehr zurückhaltend blicken sie uns an, wagen meist erst auf Aufforderung der Erwachsenen ein scheues „Hello“.

Am Dorfrand entdecken wir eine alte Tempelanlage. Gut erhalten, aber nicht überrenoviert wie so viele andere in China. Die Holzgebäude strahlen einen elegante Ruhe aus.
Doch wir stehen vor einem verriegelten Tor. Nur durch einen engen Spalt können wir ins Innere spähen.
Die Bauarbeiter, die ein paar Blumenbeete ummauern, können nicht weiterhelfen.
Da taucht ein alter Mann mit weissem Bart auf. Ich versuche mit ihm zu sprechen, doch wir verstehen uns nur schlecht. Er spricht einen Dialekt, den ich kaum verstehen, selbst wenn er auf meine Fragen antwortet.
Er versteht allerdings, dass wir den Tempel besichtigen möchten.

Nach einiger Zeit holt er jedoch einen Schlüssel und geht mit uns auf Entdeckungsreise.

Uns öffnet sich eine Klosteranlage mit einem halben Dutzend Gebäuden. Altehrwürdige Holzbauten, die in der Stille des Ortes eine magische Wirkung haben.

Der alte Mann führt uns von einem Gebäude zum anderen. Versucht uns alles zu erklären.
Immer wieder meint er verzweifelt: „Du verstehst meine Sprache nicht, oder?“ „Ich spreche nur etwas Putonghua (= Standartsprache Mandarin)“, muss ich ihm antworten.
Der alte Mann greift zum allgemeinen Hilfsmittel unter den Chinesischsprachigen: Er beginnt zu schreiben. Auch wenn sie es noch so unterschiedlich aussprechen – die Schrift ist in den weiten Chinas einheitlich.
Doch leider sind meine Zeichenkenntnisse noch schlechter als mein gesprochenes Chinesisch. „Kan bu dong“, kann ich da nur sagen: „sehen, nicht verstehen“.

An der Schrift des alten Mannes liegt es nicht. In einem der Gebäude zeigt er uns wunderschöne Kaligrafien, die er selber gemalt hat (rechts im Bild).
Zum Glück lässt sich der alte Mann nicht beirren. Mit Handzeichen, Zeichnungen, Zahlen und Kritzeln mit dem Gehstock auf dem Boden erklärt er uns die Anlage.
So verstehe ich, dass der Tempel buddhistisch ist. Gegründet wurde er vor über 800 Jahren. Es ist das erste buddhistische Kloster in der Provinz Zhejiang – sofern ich dies richtig interpretiert habe.

Unsere letzte Station ist der dreistöckige Turm am Eingang. Mit einer gemalten Glocke, zeigt uns der alte Mann, dass dies der Glockenturm war. Die 400 Kilo schwere Glocke sei schon lange weg, meint er traurig.
Im Turm hängt ein altes vergilbtes Foto, auf dem die Tempelanlage von aussen zu sehen ist. 1928 sei diese Aufnahme gemacht worden, sagt unser Begleiter. „Und das bin ich“, meint er lachend und zeigt auf einen kleinen Bub auf dem Bild. Acht Jahre alt sei er da gewesen.
88jährig ist er also, der gute Mann. Ich hatte mich nicht getraut, ihn zu fragen. Denn je nachdem ob man ein Kind, jemand gleichaltrigen oder eine ältere Person nach dem Alter fragt, bracht man im Chinesischen ganz andere Formulierungen. Aus Angst, den alten Mann mit der falschen Frage vor den Kopf zu stossen (mir kam natürlich nur die Frage für Kinder in den Sinn), hatte ich nicht gewagt, ihn zu fragen.
Gerne hätte ich noch ein Porträt des alten Mannes, doch das will er nicht. Zusammen mit Tanja und mir auf ein Foto vor dem Tor – das hingegen passt ihm perfekt. Freundlich, aber chinesisch kurzangebunden verabschiedet er sich von uns und geht seines Weges.
Nicht nur seine Hilfsbereitschaft war einmalig. Auch ist es das erste Mal, dass ich in China eine Sehenswürdigkeit besuche, ohne Eintritt bezahlen zu müssen.
PS: Ein Plakat bei der Bushaltestelle – heute eine verschlafene Kreuzung im Dorf – zeigt die hochfliegenden Pläne Dajis. Bleibt zu hoffen, dass sie nie realisiert werden und dass Daji eine Oase der Ruhe bleibt.
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